Ein Jahr in Brasilien
Ein Jahr lang wird Anneke van der Kaaden (16 Jahre) bei Gastfamilien in Santo Antonio da Platinor in Brasilien leben. Sie wird dort zur Schule gehen,
sie will das Land bereisen, und sie will „eine gute Botschafterin Deutschlands sein“, wie sie selbst sagt. Über ihre Erfahrungen in Südamerika wird das Auricher
Mädchen regelmäßig in den Ostfriesischen Nachrichten berichten.
Anneke van der Kaaden (16) aus Aurich ist in ihrem Gastland Brasilien angekommen - sie fühlt sich wohl
Santo Antonio de Platina. Ich bin jetzt erst ein paar Wochen hier und liebe dieses Land. Mit dem Flug ist alles glatt gelaufen, ich bin am Dienstag, den 7. August, um etwa 12 Uhr in Londrina gelandet. Nach drei Stunden Fahrt war ich dann "zu Hause", in meiner Stadt Santo Antonio da Platina, und hatte sofort ein Zeitungsinterview mit zwei anderen Austauschschülerinnen aus Südafrika und Australien, die schon seit Januar da sind und mich, zusammen mit meinem Vater, auch abgeholt hatten. Meine Portugiesischkenntnisse waren ungefähr auf dem Niveau zwischen grausam bis nicht vorhanden, und deshalb wurde ich hauptsächlich übergangen oder die beiden mussten für mich übersetzen. Ich war hundemüde vom Flug und wegen der Zeitverschiebung, so dass ich fast im Stehen eingeschlafen bin und nur noch schnell meiner Familie Hallo gesagt habe, um danach sofort ins Bett zu fallen. Ich hatte im Vorfeld zwar gehört, dass man hier das Toilettenpapier in den Mülleimer und nicht in die Toilette wirft, habe aber alle Warnungen erst mal in den Wind geschossen und somit gleich am ersten Tag mein Klo verstopft. Super Einstieg... Alles hier ist anders, die Menschen, das Wetter und das Essen, vor allem aber die Schule. Zur Schule musste ich erst relativ spät, nämlich am Montag nach dem ich gekommen bin, so dass ich fast eine Woche Zeit hatte, mich einzugewöhnen und schon mal ein bisschen die Sprache zu lernen. Mittlerweile verstehe ich fast alles, es muss nur zweimal langsam wiederholt werden... Sprechen geht auch immer besser, aber das liegt wohl daran, dass hier eigentlich keiner mehr als fünf Wörter Englisch spricht und man deshalb schnell lernen muss. Es herrscht Schuluniform- Pflicht, aber sonst ist alles viel lockerer als in Deutschland. Die Uniformen sehen eher aus wie Sportkleidung, und deshalb gewöhnt man sich sehr schnell daran. Ich habe aber eine Jungenhose, was mir vorher keiner gesagt hat, weswegen ich erst mal ganz schön ausgelacht wurde.
Anneke van der Kaaden (unten links) hat sich schnell in Brasilien eingelebt.
Die Lehrer kommen hier selber zu spät und ich mache so gut wie nichts, zum einen, weil ich nicht verstehe was der Lehrer sagt, zum anderen, weil keiner etwas macht und alle nur quatschen, Briefe schreiben oder schlafen. An meinem ersten Tag ist ein Junge mitten in der Stunde aufgewacht, hat gefragt "ist es schon morgens?", und er ist aus der Klasse herausgegangen, was den Lehrer nicht weiter gestört hat. Viel Unterricht machen wir aber sowieso nicht, weil dauernd durchgesagt wird, wer Lust hätte, könnte jetzt ins Theater, Trommeln für einen Umzug am Nationalfeiertag lernen oder einmal um den Block laufen, weil es so kalt ist. Dabei bezeichne ich das Wetter als an Regen gewöhnte Ostfriesin nicht als kalt, sondern als quasi sommerliche Temperaturen, was aber nur mit Kopfschütteln abgetan wird und mit der Information, ich sollte mal den Sommer abwarten... Hier ist es sogar im Winter 25°C, ich weiß nicht, wie ich den Sommer überleben soll. In der Woche muss man erst um 23 Uhr wieder zu Hause sein, so lange geht man irgendwo einen Burger essen
oder besucht einen Freund, wobei hier "ein Freund" bedeutet, dass man jemand schon mal gesehen hat. Jeder wird mit einem Kuss auf die Wange begrüßt, angestrahlt und zugetextet. Wenn man nichts versteht, ist das nicht weiter schlimm, darum geht es ja auch nicht. Außerdem ist es quasi untertrieben zu sagen, blond käme gut an. Brasilien ist ein sehr katholisches Land, was man in meiner Stadt auch merkt, jeden Sonntag ist gutbesuchte Messe und alle gucken mich ungläubig an, wenn ich zugebe, weder katholisch noch evangelisch noch irgendetwas anderes zu sein. Neben dem Schlafzimmer meiner Gast- Eltern gibt es sogar eine Art Mini-Kirche mit Bank und Altar. Das Essen ist sehr gut, es gibt jeden Tag Bohnen und Reis, dazu Fleisch und auch viel Salat. Ich werde wohl, wenn ich wiederkomme, zwei Sitze im Flugzeug brauchen, weil ich von Natur aus gerne esse und hier halt noch viel lieber. Kürzlich war ich für ein paar Tage in Sao Paulo, um meinen Bruder Alex zum Flughafen zu bringen, weil er derzeit einen Austausch nach Mexiko macht. Danach haben wir noch ein paar Tage im Haus eines anderen Bruders (insgesamt habe ich fünf Geschwister, von denen aber keiner mehr zu Hause lebt) gewohnt. Sao Paulo ist riesengroß, überall sind Menschen und Hochhäuser. Für ein paar Tage ist das echt cool, man kann dort auch gut einkaufen, aber zum Leben ziehe ich dann doch "meine" Kleinstadt Santo Antonio da Platina vor.
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